Tonfilmgegner
ZurückWe didn't need dialogue. We had faces!
Gloria Swanson als Norma Desmond in Sunset Boulevard (1950)
Ein wiederkehrender Topos von Filmen, die die Stummfilmära behandeln, ist die Zerstörung der Karriere eines Stummfilmstars aufgrund einer für den Tonfilm ungeeignete Stimme. Harpo Marx soll von seinem Onkel Al Shean bereits in der Vaudeville-Zeit nahegelegt worden sein, die Perfektion seines pantomimischen Auftritts nicht durch verbale Kommunikation zu schmälern. Ein früher Kritiker der Marx-Brothers-Truppe hatte sich dahingehend eingelassen und so blieb Harpo auch in den Tonfilmen der Brüder stumm, in seinem Fall ein genialer Schachzug1.
Weniger Beachtung fand die Tatsache, daß für die Mitglieder der großen Stummfilmorchester und Varieté-Ensembles mit Einführung des Nadel- und Lichttonfilms der plötzliche Verlust der Arbeitsstelle in der Weltwirtschaftskrise eine reale existentielle Bedrohung darstellte. So berichtet der Kölner Lokal-Anzeiger am 13.Juni 1930 von 420 arbeitslosen Musikern im Bezirk des Arbeitsamts Köln. Schon in den Jahren davor hatte die Kinoorgel, deren Musik sogar teilweise im Radio übertragen wurde, den Kinomusikern Konkurrenz gemacht.
Aufgrund der durch die Tonfilmpatente hohen Umrüstungskosten (nach Schätzung 15000-60000 Mark je nach Größe des Kinos2) konnten sich auch kleinere Lichtspielhäuser die Umstellung auf Tonfilm nicht leisten.
Paul Jockels Arbeitslosenorchester
Quelle: www.zeitpunkt.nrw
Paul Jockel, der als einer der ersten Kinoorgeln in seine Jedermann-Kinos aufstellen, seine Projektoren mit Tonfilmapparaturen ausrüsten, Lautsprecher einbauen und seine Orchester nur noch bei Großveranstaltungen auftreten ließ, stellte ab Freitag, 24. Juli 1931 demonstrativ für einige Wochen 30 erwerbslose Musiker des Kölner Konzert-Orchesters ein. Das Orchester hatte sich Anfang der 1930er Jahre in Köln gegründet und hatte regelmäßig Auftritte bei denen es auf die Not der vielen beschäftigungslosen Musiker aufmerksam machte. Wie angeblich auch Kinobetreiber in anderen Städten, brachte Jockel Stummfilme ins Programm und ließ diese vom Kölner Konzert-Orchester illustrieren3.
Auch bei der Eröffnung von Jockels Kino für Jedermann 15, den Lichtspiele des Westens (LDW) spielte das Kölner Konzert-Orchester. Unter Kapellmeister Simons wurde neben der Ouvertüre zur Oper „Martha“ der „Festmarsch der Kinos fur Jedermann“, gewidmet dem Direktor Paul Jockel, zum Besten gegeben4.
Gegen diese letztendlich unaufhaltsame Entwicklung setzten sich die entsprechenden Künstlerverbände zur Wehr.
Wir haben hier zwei authentische Flugbätter inhaltlich und optisch reproduziert. Das erste wurde im August 1930 in den Straßen Berlins verteilt und kursiert in mehreren Variationen im Internet. Zum Vergrößern bitte anklicken.
Hier der transkribierte Text:
Gegen den Tonfilm! Für lebende Künstler!
An das Publikum!
Achtung! Gefahren des Tonfilms!
Viele Kinos müssen wegen der Einführung des Tonfilms und Mangel an vielseitigen Programmen schließen!
Tonfilm ist Kitsch!
Wer Kunst und Künstler liebt, lehnt den Tonfilm ab!
Tonfilm ist Einseitigkeit!
100% Tonfilm = 100% Verflachung!
Tonfilm ist wirtschaftlicher und geistiger Mord!
Seine Konservenbüchsen-Apparatur klingt kellerhaft, quietscht, verdirbt das Gehör und ruiniert die Existenzen der Musiker und Artisten!
Tonfilm ist schlechtkonserviertes Theater bei erhöhten Preisen!
Darum:
- Fordert gute stumme Filme!
- Fordert Orchesterbegleitung durch Musiker!
- Fordert Bühnenschau mit Artisten!
- Lehnt den Tonfilm ab!
Wenn schon Tonfilm, dann Gemischtes Programm mit Bühnenschau und Orchesterbegleitung
Wo kein Kino mit Musikern oder Bühnenschau:
Besucht die Varietés!
Vom Kientop zum Filmkunstwerk
Das Flugblatt greift die, besonders in Kritikerkreisen nicht ganz zu Unrecht verbreitete Ansicht, daß der (expressionistische) deutsche Stummfilm sich von Kientop mit seiner oft schlecht handsynchronisierten, mechanischen Musik, den unsynchron vorgeführten Tonbildern emanzipiert und eine einzigartige Darstellungsform entwickelt hatte, die Sprache praktisch überflüssig machte. Dazu wurde durch einen Kapellmeister eine kongeniale Filmillustration geliefert, deren Intensität durch eine hocheffiziente Steuerung der Projektionsgeschwindigkeit gesteigert wurde. Kolportagegeräusche konnten mittels Grammophonplatte oder besser noch, mittels der Kinoorgel erzeugt werden. Sprechfilme galten dagegen als abgefilmtes Theater.
Kitsch und Verflachung als antisemitisch-codierte Kulturkampfbegriffe
Der Kölner Filmkritiker Karl Heinz Ruppel5 überschreibt seine Kritik zu neuen Tonfilmen in Köln in der Kölnischen Zeitung vom 13.März 1930 mit der Überschrift „Die Filmverflachung“.
Im folgenden führt er aus:
[...] Der große Schauspieler Al Jonson(richtig Al Jolson, Künstlername des 1886 geborenen Asa Yoelson6 Anm. d. Verf.) ist zu sehen im Jazzsänger (Hochhaus, Lichtspiele des Westens). Dieser Film, vor dem Singing Fool gedreht, ist noch verkitschter, noch verlogener. Diesmal stirbt nicht das Kind, sondern der Vater des Sängers, ein strenggläubiger Rabbiner. Die sentimentalen Judenstücke amerikanischer Herkunft haben es in sich; Bronx-Expreß, Dreimal Hochzeit, Der Jazzsänger - es ist immer dasselbe: gerissen und rührselig, eine Mischung, die den schlechten Geschmack des Publikums auf der ganzen Welt im Sturm erobert. Daß der Film einmal soweit war, die feinsten, geheimsten seelischen Vorgänge darstellbar machen zu können, daß er sich als Stoff die Realität und Phantastik der ganzen Erde erobert hatte, daß im Letzten Mann ein Menschenschicksal, im Goldrausch ein Traum der Welt, im Sturm über Asien eine Völkerrevolte gestaltet waren - es wird um eines albernen Schlagers, um einer Gesangsnummer willen, die im letzten Varieté ausgepfiffen würde, vergessen, verleugnet dem Publikum aus dem Gedächtnis radiert. Solange diese geistige und künstlerische Verblödung, diese Rückwärtsentwicklung mit dem Tonfilm verbunden ist, gilt ihm schärfster Kampf. Es ist nicht wahr, daß man kein Gefühl für gute oder schlechte Leistung habe; es ist nur wahr, daß aus einer geschäftlichen Spekulation heraus das Publikum mit unerhört gerissenen Mitteln in seinem Urteil wankend, in seinem Instinkt unsicher gemacht wird. Der Tonfilm in seiner heutigen Gestalt ist der fatalste Triumph des Fortschrittswahns.Ruppel bedient hier ein altes, aber weit verbreitetes antisemitisches Vorurteil (vgl. Richard Wagners „Das Judentum in der Musik“), das jüdischen Künstlern pauschal die Fähigkeit abspricht, „wahre“ d.h. nicht kommerzielle Kunst erschaffen zu können. Man sieht, der Boden für das, was drei Jahre später kommen sollte war bereitet, auch gerade bei deutschen Intellektuellen.
Zu den (angeblichen) Verfassern des Flugblatts
Alfred Fossil
Fossil war aufgrund der Internationalität der Artistenloge offen
Als Unterzeichner firmieren jeweils Alfred Fossil, von 1926 bis zu ihrer Auflösung durch die Nationalsozialisten Präsident der Internationalen Artisten-Loge, sowie Karl Schiementz vom Deutschen Musiker Verband
Ein späteres Flugblatt
Bei dem zweiten Exemplar handelt es sich um ein Fundstück auf einem alten Klangfilm-Kinolautsprecher.
Der Ton hat sich leicht geändert. Der Tonfilm ist gekommen, um zu bleiben, die Technik hat sich verbessert, allzu aggressiver Widerstand ist zwecklos. Jetzt gilt es
Zum SeitenanfangQuellen:
1 https://de.wikipedia.org/wiki/Harpo_Marx
2 Westfälische allgemeine Volks-Zeitung v. 22.November 1929
3 Kölner Lokal-Anzeiger v. 23.Juli 1931
4 Kölner Lokal-Anzeiger v. 15.August 1931
5 https://de.wikipedia.org/wiki/Karl_Heinz_Ruppel
6 https://www.imdb.com/name/nm0427231/bio/?ref_=nm_ov_bio_sm