Notenrollen für ein Phonola-Klavier
Die eingemauerte „Kino-Orgel“ des Urania Kinos
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Wendel Meurer, der in seiner film- und kinohistorischen Sammlung auch die hier vorgestellten Phonola Notenrollen bewahrt, erzählte mir zu diesen folgende Geschichte: Frau Hildegard Brodmeyer (Frau von Arthur Brodmeyer und nach seinem Tod bis 1983 alleinige Leiterin des Urania Kinos), mit deren Erlaubnis er einige Dinge aus dem Keller des Kinos bergen durfte, sagte ihm damals, daß die Notenrollen aus der Anfangszeit des Urania Kinos stammten. Mitte der 50er Jahre mußte eine breitere Leinwand für die gerade neu aufgekommene Cinemascope-Technik eingebaut werden. Dies erforderte den Umbau der gesamten Bühne, die noch aus den Zeiten der Neueröffnung auf Musikbegleitung und Varieté ausgerichtet war. Im Zuge dieser unter Zeitdruck ausgeführten Änderungen soll die zum Abspielen dieser Notenrollen benötigte „Kino-Orgel“ unter einem dabei eingezogenen Betonboden eingemauert worden sein.
In dem von Bruno Fischli herausgegebenen Buch „Vom Sehen im Dunkeln“ erwähnen die Autoren Michael Henke und Franz-Josef Marxkors in ihrem Beitrag „Kino im Veedel - das Urania“ „Walzen“ für eine „elektrische Orgel“ aus den Union Lichtspielen in Köln-Ehrenfeld.1 Das Alter der hier vorgestellten Notenrollen (1913, 1922, 1924) legt nahe, daß sie aus den Union-Lichtspielen stammen und vermutlich mit den oben genannten „Walzen“ identisch sind.
Die Notenzeichen sowie das im nächsten Foto dokumentierte Buchstabenkürzel stehen für die Papierfabrik Hoffmann & Engelmann in Neustadt an der Haardt2.
Der Ausdruck „Walze“ ist dabei technisch nicht korrekt, da er auf die besonders aus Spielautomaten bekannten Stiftwalzen abhebt. Diese wurden z.B. in Spieluhren manuell oder mechanisch (Federwerk etc.) abgerollt und setzten dabei die vor ihnen angeordneten kammförmigen Metallzungen in Schwingung. Die Notenrollen für die im folgenden beschriebenen Phonola-Klaviere bestehen dem gegenüber durchgängig aus Papier und beruhen auf dem unten beschriebenen Lochkarten-Prinzip.
Die zum Abspielen der Rollen benötigten Phonola-Pianos wurden seit 1902 von der Firma Hupfeld hergestellt.
Dabei kennzeichnet die amerikanisch klingende Endung „-ola“ in dieser Wortschöpfung die Phonola als Konkurrenzprodukt zu dem von der amerikanischen Firma „The Aeolian Company“ vermarkteten Pianola.
Obwohl die Firma Hupfeld auch Kino-Orgeln hergestellt haben soll, handelte es sich bei den Phonolas um selbstspielende Klaviere bzw. um sogenannte Vorsetzer, die ein „manuelles“ Klavier in ein selbstspielendes umwandeln konnten. Diese Vorsetzer hatten auf der Vorderseite meist mittig ein mit durchsichtigem Deckel ausgestattetes Fach zum Einsetzen der Notenrolle. Anstelle von Pedalen verfügen sie über zwei fußbetriebene Blasebälge zur Erzeugung von Druckluft ähnlich wie bei einem Harmonium.
Auf der Rückseite hatten diese Geräte eine Aussparung zum Einklinken in den Tastensatz des Klaviers. Dort befanden sich auch die mit Filz überzogenen „Finger“. Diese wurden pneumatisch, also durch Luft, welche durch die Lochstanzungen der Notenrollen strömte, gesteuert. Der Pianist konnte das Spiel durch das Treten der Blasebälge und durch Bedienen der Hebel für Tempo und Dynamik beinflussen3.
Oft war der Vorsetzer auch in das Klavier integriert. Bezeichnungen wie Duo- oder Tri-Phonola-Modelle weisen auf den Grad der Automatisierung späterer Modelle hin. Elektrisch betriebene Tri-Phonolas konnten die, meist von namhaften Pianisten bespielten Notenrollen vollautomatisch abspielen.
Musikautomaten wie die Phonola dienten dazu gesamte Opern-, Operettenarien, Tanzstücke, Populärmusik etc. selbsständig abzuspielen und waren deshalb naturgemäß in der Anpassung an
varierende Szenenlängen eines Films nicht so geeignet wie ein Kino-Orchester oder eine Kino-Orgel, die von einem Organisten gespielt wurde und über
spezielle Effektregister verfügte, mittels derer auch Geräusche wie Blitz, Donner oder Hufgetrappel nachgeahmt werden konnten. Dennoch war ihre Nutzung als Begleitgeräte im Kino
zumindest vor dem Aufkommen der großen Kino-Orgeln nicht ganz ungewöhnlich. So schreibt Oskar Messter in seiner Autobiografie (über die Siegfried Kracauer anmerkte, daß er seine
eigenen Verdienste [darin] nie zu gering veranschlagt
4) daß die mechanische Klaviermusik eines Pianola oder Phonola, die wenigstens keine falschen Töne hervorbrachte,
für kleine Kinos besser wäre, als die eines schlechten Klavierspielers.
Eine Anordnung für die Synchronisierung einer Filmszene mit einer Phonola Notenrolle ließ er sich
patentieren5.
Die Union-Lichtspiele wurden 1929 geschlossen. Möglicherweise wurde das Phonola einfach von dort (Venloer Straße 254-256) in das neue Urania Kino (Venloer Straße 265) auf der gegenüberliegenden Straßenseite transferiert. Im obersten Artikel der Collage wird hinsichtlich der, an die Neueröffnung des Urania geknüpften Erwartungen erwähnt, daß „die Union-Lichtspiele bezüglich der musikalischen Film-Illustration an der Spitze stehen“. Frau Brodmeyer erinnerte sich in dem eingangs zitierten Beitrag an einen Orchestergraben und ein Musikerquartett. Diese „analoge“ Begleitung wurde der damaligen „digitalen“ Innovation des Reproduktionsklaviers, bei dem in der Erinnerung eines Kinogängers immer die zu der jeweiligen Filmszene unpassendsten Notenrollen (vermutlich in Ermangelung geeigneter Stücke)6 eingelegt wurden vorgezogen. 1930 soll laut Frau Brodmeyer schon die Umstellung auf Tonfilm im Urania erfolgt sein7.
Das Urania-Gebäude mit seinem schwarz gefliesten Erdgeschoß steht heute noch in der Venloer Str. 265, Ecke Thebäerstraße. Die waagerechten Einzelbuchstaben „U-R-A-N-I-A“ an der Hauswand sind lange abmontiert, von den vier Aushangfenstern ist nur noch die Rückwand mit Regenschutz geblieben. Der vertikale gelb-schwarze Schriftzug existiert noch. Ob irgendwo dahinter ein historisches Phonola-Klavier aus der Übergangszeit zur Tonfilm-Ära in Köln eingemauert wurde, wird vorerst ein Geheimnis bleiben.
Quellen:
1Henke, Marxkors, in Bruno Fischli Hsg. „Vom Sehen im Dunkeln“ S.109
2https://digital.deutsches-museum.de/projekte/notenrollen/rollentypen/88_animatic_t_tri-phonola/
3http://hupfeld-leipzig.de/instrumente.html
4Siegfried Kracauer, Von Caligari zu Hitler S.21f
5Oskar Messter, Mein Weg mit dem Film, Max Hesses Verlag 1936 S.61f
6vgl. dazu Oskar Messter, a.a.O.
7Henke, Marxkors, a.a.O.