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Paul Jockel

Erfinder des Kino für Jedermann

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Biographie

Paul Ludwig Jockel (1881-1950) kam ursprünglich aus Hamburg. Im ersten Jahrzehnt des 20.Jahrhundert ging er in die USA, um bei den Yankees zu lernen. Einige Jahre war er dort nach eigenen Angaben erfolgreich. Nach Deutschlands Eintritt in den 1.Weltkrieg war Jockel als Deutscher in den USA nicht mehr willkommen, von 1914 bis 1919 soll er in Kanada interniert, am Ende wegen Spionageverdachts in seine Heimatstadt Hamburg abgeschoben worden sein1.

Anfang der 1920er Jahre war Jockel beruflich als Oberingenieur bei der Kalker Maschinenfabrik AG in Köln-Kalk (Vietorstraße) tätig. In seiner Freizeit begeisterte er sich für den Motorsport. Er fuhr ein amerikanisches Indian Motorrad, war Vorsitzender des Club für Motorsport Köln (C.M.K.) und Initiator der Deutschlandfahrt 1924. Bis 1925 war er zudem Vorsitzender des Kraftrad-Sportausschußes des ADAC. Durch den Motorsport kam Jockel mit Personen der Kölner Kinobranche in Kontakt, z.B. Hugo Caroly, der sich im C.M.K. als Zeugwart betätigte.

Vom „Motorradpapst“ zum „Kinokönig“

In einem Zeitungsinterview sagte Jockel rückblickend, er sei zum Kino gekommen, „wie ein Professor zur Hühnerfarm“. Um 1926 hatte der C.M.K. sein Sekretariat in der Kapitelstraße 1A. Die Idee, an der Adresse die dort zur Hochzeit des Monopolfilmwesens eröffneten Monopol-Theater, Kalk wiederzubeleben, sei in einem „Biergespräch“, vermutlich im Beisein von Caroly aufgekommen. Jockel, amerikanisch geprägter Selfmademan, stattete den seit Jahren stillgelegten Saal mit einer in den USA populären Kino-Orgel aus und landete mit dem erst belächelten Projekt einen Überraschungserfolg2.

1928 Kinos für Jedermann

In den nächsten zwei Jahren entwickelte Jockel die Idee eines Volkskinos, wie sein längst verstorbener Vorgänger Joseph Erpelding sie zwei Jahrzehnte vorher hatte, kontinuierlich weiter. Jockel hatte verstanden, daß die Ende der 1920er Jahre entstandenen Groß-Kinos mit ihren Film- und Bühnen-Spektakeln Ablenkung in der Wirtschaftskrise boten. Allerdings mußte man sich den Besuch auch leisten können. Den elitären Großkinos setzte der clevere Geschäftsmann Jockel das Kino für Jedermann entgegen, also das Kino, dessen Besuch sich jedermann leisten konnte. Im Jedermannkino gab es Erfrischungsräume, einen Ausschank alkoholische und alkoholfreie Getränke, man verabredete sich dort...

Annonce
Getroffen im Jedermann in: Kölner Lokal-Anzeiger v. 9. August 1932
Quelle: www.zeitpunkt.nrw

Von 1928 bis 1931 wandelte Jockel in Köln dreizehn Kino- bzw. Vereinssäle in Kinos für Jedermann um, zusätzlich übernahm er zwei Kinos in Düsseldorf.

Viele der von Jockel eröffneten bzw. übernommenen Säle wie das Monopol-Theater - Kino für Jedermann 1, der Schorodt'scher Saal (Kino für Jedermann 4), sowie der Breuer'scher Saal, (Kammer-Lichtspiele - Kino für Jedermann 5) waren für Ringkämpfe etc. benutzt worden oder konnten mit wenig Aufwand für (Box-)sportveranstaltungen umgestaltet werden. Berühmte Kölner Boxklubs waren regelmäßig Gäste in den Jedermann-Kinos. Die Drittvermietung für solche Events nach dem regulären Programm bzw. Sonntagmorgens ermöglichte Jockel zusätzliches Einkommen zu generierten. Zudem wurden die Kinos als Austragungsorte regelmäßig in der Zeitung genannt.

Für die einzelnen Betriebsstätten waren jeweils teilweise neugegründete Verwaltungsgesellschaften zuständig. Im Mai 1930 gründete Jockel die Betriebsgesellschaft Kino für Jedermann GmbH.

Besonders das Kölner Scala-TheaterScala-Theater und die Düsseldorfer Kinos wurden zeitgemäß als „Theater der Damen“ vermarktet.

Das erste echte Kino für Jedermann war übrigens nicht Jockels Kalker Monopol-Theater, sondern der ehemalige Kristallpalast.

Als Jockel sein erstes Kino im März 1930 als Kino für Jedermann 6 neueröffnete, teilte er der Zeitschrift Kinematographen mit, daß er die Kinos für Jedermann mit weniger als 1000 Plätzen aufgeben würde. Außerdem sollten alle Kinos mit Tonfilmapparatur und Kinoorgel ausgestattet werden.3

Nach Presseberichten von 1931 wollte Jockel wohl außerhalb Kölns noch weiter expandieren, noch im Mai 1931 soll er sich auch für die Pacht des Düsseldorfer Apollo Theaters interessiert haben. Im selben Jahr schloß jedoch Jockels gerade zum sechsten Jedermann-Kino umgewandeltes Monopol-Theater in der Kapitelstraße in Kalk wegen mangelnder Wirtschaftlichkeit für immer seine Pforten. Mit der Pacht der Lichtspiele des Westens (LDW) und dessen Wandlung zum Kino für Jedermann 15 dringt Jockel bei seinen Kinoeroberungen bis zum Hohenzollernring vor und übernimmt ein Großkino, an dem sich schon dessen ursprünglicher Erbauer, Julius Rothschild und Jockels leicht größenwahnsinniger Vorgänger Jean Bringemeier die Zähne ausgebissen hatten.

Bei seinen Angestellten war Jockel sehr beliebt, zu seinem 50.Geburtstag gaben sie eine umfangreiche Festschrift heraus. Am 11/12 Juli 1931 U. a. Motorradverbände,ehrten ihren Ehrenvorsitzenden mit Sternfahrt und Fackelzug. Der Männergesangverein Köln-Kalk brachte ihm ein Ständchen, abgerundet wurde die Feier durch ein Feuerwerk. Auch die Stadtverwaltung schickte eine Abordnung5

Die Anerkennung sollte nicht darüber hinwegtäuschen, daß Jockel öfter aneckte:

Die Stadt sah seine Bier-Coups, die Ausgabe von Kinobillets für 30 Pfennig in Verbindung mit Bierbons, deren Wert später jedoch vom Eintrittspreis abgezogen wurde, als Umgehung der Vergnügungssteuer an. Zumal Jockel eine ähnliche Aktion anläßlich der landwirtschaftlichen Ausstellung in Köln wiederholte. Mit Bezug auf die Wirtschaftskrise ließ er Handzettel mit der Überschrift „Eure Not macht Sparen zum Gebot“ die ebenfalls für Freibier beim Kinobesuch warben, in der Stadt verteilen6.

Kinobesitzer und Verleiher verärgerte Jockel im Dezember 1930 mit seinen Freikarten für den Kinobesuch in drei Jedermann-Kinos ohne zeitliche Beschränkung an allen Wochentagen für 20 Pfennig 7.

Annonce
Werbung für alle Jedermann-Kinos außer der schon wieder geschlossenen Nr.6 in: Kölner Lokal-Anzeiger v. 11.September 1931
Quelle: www.zeitpunkt.nrw

Jockels Jedermann Kinos

1932 geriet Jockel in finanzielle Schwierigkeiten. Im Juni 1932 wurde in Köln ein Konkursverfahren mit offenem Arrest über Jockels Vermögen eröffnet. Nach und nach übergab Jockel die Geschäftsführung in den Betriebsgesellschaften der Jedermann-Kinos an ehemalige Geschäftspartner und Motorsportkollegen weiter. Die Firma Frajer & Co., in der Geschäftspartner bzw. Prokuristen aus Jockels Verwaltungsgesellschaften tätig sind, übernehmen einige der Kinos. Auch im Motorsport scheint er nicht mehr aktiv zu sein.

Im Januar 1933 gab Jockel die Geschäftsführung der, zum Betrieb des Kristallpalast gegründeten Viktoria-Haus_Verwaltungsgesellschaft mbH an Gastwirt und Motorsportkollegen Franz Ullerich weiter. 1935 war Jockel Liquidator der Kölner Lichtkunstgesellschaft mbH.

Um 1932 zieht Jockel sich anscheinend vollständig aus Köln zurück. Es ist unklar ob das mit seinem finanziellen Mißerfolg oder mit den an sich problematischen Zeitläuften nach 1933 zusammenhing. Einige seiner Kinos laufen noch eine Zeitlang unter dem Namen Kino für Jedermann, man erinnert sich noch an die Volkskinos, auch ohne ihren Gründer namentlich zu nennen.

Jockel und seine Schwester Evelyne lassen in Overath (Hülsen) in der Nähe von Köln vier Wochenendhäuser und ein größeres Landhaus errichten, ein Waldstück in der Gegend zu Ackerland umwandeln und werben Landarbeiter an. Als Geschwister Jockel bieten sie Ende der 1930er Jahren Zuchtschweine in lokalen Zeitungen zum Verkauf an.

Quellen:
1 Düsseldorfer Stadt-Anzeiger v. 12.Juli 1931
2 Kölner Lokal-Anzeiger v. 19.September 1931
3 Kinematograph Nr.63, 1930
4 Neußer Zeitung v. 2.Mai 1931 5 Düsseldorfer Stadt-Anzeiger v. 14.Juli 1931
6 Kölner Lokal-Anzeiger v. 24.Oktober 1930, Kinematograph Nr.138 1930
7 Kinematograph Nr.285 1930