Warum wir analoges Filmmaterial erhalten wollen
Fragen und Positionen
Gedanken zur Materialität
Bei alten Filmen etc. wird heute oft eine Trigger-Warnung bzw. eine historische Einordnung vorausgeschickt. Inhalten wird eine Halbwertszeit zugemessen, nachdem man sie nicht ohne weiteres zumuten kann. Einerseits findet also eine Bevormundung der Zuschauenden statt, andererseits empfindet man es als unproblematisch, alle Spuren des physische Alterungsprozess des organischen Materials zu eliminieren. Das Digitalisat erscheint an der Oberfläche zeit- und leblos, der Historizität seiner Materialkomponente beraubt.
Für uns ist die Verletzlichkeit der analoge Filmkopie, die ihr eingeschriebenen Verletzungen (Wasserschäden, Kratzer, Schrammen, Regenstreifen) kein Störfaktor, sondern eine zusätzliche Informationsspur, die uns dem Material, seiner Endlichkeit, annähert und uns hilft, die Inhalte distanziert, im zeitgeschichtlichen Kontext zu betrachten.
Gedanken zur Digitalisierung
Wir hinterfragen kritisch in welchen Bereichen digitale Technnologien uns helfen können, vorher praktisch unlösbare Aufgaben (z.B: das Durchsuchen immens großer Datenkonvolute) zu bewältigen. Wo bringen sie einen echten Nutzen, der in einem vertretbaren Verhältnis zu ihrem Ressourcenverbrauch steht? Insofern sehen wir die Digitalisierung eher als Hilfstechnologie, die nicht dazu dienen soll, alles Analoge praktisch auszulöschen.
Bei der Digitalisierung von Archiven kommt es oft zu unwiederbringlichen Verlusten. Digitale Formate sind nicht so langlebig wie Analoge, digitalisiert wird, was als erhaltenswert gesehen wird, wobei auch die Kosten des Transfers eine Rolle spielen. aus Kostengründen nicht erhalten sondern physisch vernichtet wird was aus Ängsten vor dem Material (Nitratfilm) nicht erhalten wird aus Ignoranz
Analoges Kulturgut benötigt physischen Raum, es muß fachgerecht gelagert werden Achtsamkeit Entschleunigung Haptik analoge Technik benötigt Raum und Zeit kontemplative Beschäftigung
Für uns ist Digitalisierung, schlimmstenfalls bei Vernichtung des Originalmaterials, kein Synonym für Erhaltung. Digitalisate ermöglichen eine schnelleres und bequemeres Zugänglichmachen und Verbreiten zwecks wissenschaftlicher Auswertung etc., sie dienen als letztes Mittel zur Rettung von Material, welches sich, aufgrund schlechter Lagerung, im Stadium des Zerfalls befindet. Bei guter Lagerung ist Filmmaterial aber, variierend nach dem Material des Trägers, über hundert Jahre haltbar. Auch bei fortgeschrittenen Zerfall bietet es noch eine direkte Möglichkeit, die verbliebene Information zu sichern. Es ist uns wichtig, analoges Filmmaterial und eine diesem Material angemessene, archivwürdige, analoge Vorführpraxis zu erhalten. Material, welches wir nicht lagern können, wird ausschließlich an Institutionen weitergeleitet, die sich ausdrücklich der Erhaltung bzw. Restaurierung aller Arten von Träger-Material verschrieben haben.