Kölner Kinematographen im 1.Weltkrieg
ZurückAm 1.August 1914 tritt das deutsche Kaiserreich mit der Kriegserklärung an das russische Kaiserreich in den Krieg ein.
Am 31. August fand im Kaiserkeller in Berlin eine Versammlung der deutschen Filmbranche statt. Die dort anwesenden Kinotheaterbetreiber, Film-Verleihgesellschaften und -fabrikanten fassten den einstimmigen Beschluß, daß der deutsche Filmbund alle deutschen Theaterbesitzer auffordern soll, von jetzt an keine der in Deutschland teilweise sehr beliebten Films der Feinde (zu der Zeit hauptsächlich Frankreich, Großbritannien und Japan, die Deutschland oder dem Verbündeten Österreich bereits den Krieg erklärt) zu zeigen. Begründung war, daß das mehrheitlich patriotische deutsche Publikum diese Produktionen ablehnt. Den Willen ausschließlich rein deutsche oder neutrale Programms zu spielen, konnten die Kinematographenbetreiber durch den Aushang eines vom deutschen Filmbund herausgegebenen Plakates kundtun. O-Ton:
Nur wenn alle deutschen Theaterbesitzer ihre Theater reinhalten von derartigen ausländischen Filmfabrikaten und wenn die gesamte Branche zusammenhält, wird es möglich sein, alle Fremdkörper am gesunden deutschen Stamm auszuschalten.1
Der Bundesrat beschließt mehr und mehr Einfuhrverbote, Ca. März 1916 trat ein Verbot für Waren aus Zellhorn (Zelluloid) in Kraft, unter das auch alle ausländischen Films fielen.2
Der Provinzialverband Rheinland und Westfalen zur Wahrung der Interessen der Kinematographie vertrat dagegen die Meinung, daß insbesondere Provinzkinos auf die internationale Produktion angewiesen wären, da die deutsche Produktion zur Versorgung noch nicht ausreiche.
Offene Kinos
- Lichtspielhaus (Panoptikum)
- Scala Theater (Palast-Theater)
- Agrippina Lichtspiele
- Modernes Theater
- Pariser Kinema (Germania Lichtspiele)
- Thalia
- Severin Kinema
- Union-Theater
- Reform-Theater
- Kosmos Theater
- Luna Kinema
Durch das Einfuhrverbot wurde die Versorgung mit Filmen wie erwartet knapp, Modernes Theater und Panoptikum zeigten deshalb Mitte 1916 ein gemeinsames Programm.
Lichtspieltheater mit undeutschen Namen oder solchen, die eine Zusammenarbeit mit einem Land der Entente (Frankreich) verrieten, mußten ihre Namen ändern. So wurde aus Emil Schillings Pariser Kinema um 1915 das Germania Kinema. 1917 wurden auch(Filmverleih-)firmen mit französischer Beteiligung wie Schillings Deutsche Film-Gesellschaft mbH unter Zwangsverwaltung gestellt.
Das Scala Theater kündigte für November 1916 die Umänderung seines eher international klingenden Namens in Palast-Theater an. Faktisch erschienen jedoch in allen Annoncen beide Namen.
Quelle: www.zeitpunkt.nrw
offene Vorortkinos
- Helios Kinematograph und Union-Lichtspiele, Monopol Ehrenfeld
- Vereinigte Theater Thalia Kinema und Kaiser Lichtspiele, Mülheim
- Biophoto-Theater, Nippes
- Humboldt Lichtspiele, Deutz
- das Lichtspiel-Theater (Lichtspielhaus Muhlack), Kinematograph, Corso Lichtspiele, Kalk
Geschlossene Kinos
- Das Apollo Theater stellte seinen Kinobetrieb während des Kriegs ein und wurde von Theatertruppen bespielt.
- Das Excelsior auf der Berrenrather Straße 155 schloss für immer seine Pforten.
- Kinematograph, Kalk-Mülheimer Straße 81 stellt 1915/1916 Betrieb ein.
Neueröffnungen
- In einer alten Fabrikhalle eröffnet August Friedrich Wilhelm Müller 1915 das Alemannia Theater, Berrenrather Straße 162a in Köln-Sülz.
- Willy Böhme eröffnet 1917 in unmittelbarer Nähe die Kammer-Lichtspiele auf der Berrenrather Straße 182.
Frontkinos
Große und kleine Filmverleih-Betriebe boten ausgewählte Programme für Truppenkinos auf dem Feld an. Die Soldaten führten portable Projektoren (wie im 2.Weltkrieg die Bauer Sonolux I und II und später in der DDR die TK35), zusammensetzbare Holzrahmen und aufgerollte Leinwände für die Projektion unmittelbar auf dem Feld mit.
Quelle: www.zeitpunkt.nrw
Auch Emil Schilling wirbt für Feld-Kinos, sowie die von Christine Endres geführte Film-Verleih-Centrale Chr. Endres Hohe Pforte 14, 1915
Quelle: www.zeitpunkt.nrw
Kinematographische Angestellte im 1.Weltkrieg
Viele Vorführer, Kinorezitatoren, Kinomusiker etc. waren im Felde oder in den ersten Jahren gefallen. Vorführer*innen, die aufgrund ihrere Alters oder ihres biologischen Geschlechts militärfrei waren, hielten den Kinobetrieb am Laufen. So führte der noch nicht volljährige Edmund Epkens im Modernen Theater vor. Eine nicht näher bekannte Frau Holler bewirbt sich in Köln als Vorführerin.
Propagandafilmstellen im 1.Weltkrieg
1.November 1916 - Gründung der Militärischen Film- und Photostelle bei der militärischen Stelle des Auswärtigen Amtes.
30.Januar 1917 - Gründung des Bild- und Filmamtes (Bufa) durch die Oberste Heeresleitung
Am 18.Dezember 1917 - Gründung der Universum-Film AG (Ufa)
U.a.Oskar Messter zeigte in seiner Messterwoche die Aufnahmen der die im Krieg eingebetteten Kamera-Operateure unter Nennung ihrer jeweiligen Namen.
Kriegspropaganda in Kölner Kinos
Das makabere Maskottchen der Mobilisierung der Kölner Bevölkerung war seit seiner feierlichen Einweihung am 20.Juni 1915 der Kölsche Boor in Eisen. Dabei handelte es sich um eine, mit ihrem Sockel dreieinhalb Meter große vergoldete Holzstatue der mythischen Figur des Kölschen Boor (Kölnischer Bauer) in einem eigens für ihn errichtete Kuppelbau am Gürzenich. Auf diesem war der Leitspruch: „Halt faß am Rich, do kölschen Boor, mag et falle söß ov soor" eingraviert. Dieser war jetzt natürlich nicht auf das heilige römische Reich, sondern das Kaiserreich bezogen. Die Holzfigur war nach dem Vorbild Jan von Werth mit Rüstung dargestellt, gegen eine Spende konnte man einen odermehrere verschiedenartige Nägel in das Holz schlagen, um dem Kölchen Boor seine eiserne Rüstung zu verpassen. Die Praxis stammte wohl vom österreichischen Verbündeten und wurde auch in anderen Städten mit den jeweiligen Symbolfiguren durchgeführt. Angeblich sollte man bei Einschlagen der Nägel seine Wut auf den Feind abreagieren bzw. diesen symbolisch verletzten , da man die Nägel aber in eine Kölner Identifikationsfigur schlug, kamen manchen Kölner*innen wohl eher die eigenen schmerzhaften Entbehrungen in den Sinn, die der Kriegseintritt gefordert hatte, bzw. in den nächsten Jahren bis zur unvermeidlichen Niederlage von ihnen fordern sollte.
Quelle: www.zeitpunkt.nrw
Der Kölsche Boor in Eisen sammelte beständig Spenden für die Truppen, die sich stetig erhöhende Zahl von Kriegswitwen und -waisen, Kriegsblinden und Kriegsinvaliden. Daneben warb er für den Kauf von Kriegsanleihen und lud zu den Propagandafilmveranstaltungen in Kölner Kinos ein.
Quelle: www.zeitpunkt.nrw
Im Februar 1917 erregt Emil Schilling (Modernes Theater, Germania Lichtspiele) Aufmerksamkeit mit einer Klage gegen die hohe Lustbarkeitssteuer. Diese wurde jedoch abgewiesen.
Quelle: www.zeitpunkt.nrw
Neben den von eingebetteten Kriegsreportern gefilmten Kampfhandlungen, wurden auch Filme aus Gefangenenlagern gezeigt, um den humanen Umgang mit den Feinden zu dokumentieren.
Quelle: www.zeitpunkt.nrw
Das Scala Theater veranstaltete im Mai 1917 patriotische Hindenburg-Festspiele um die Kölner bei der Stange zu halten.
Quelle: www.zeitpunkt.nrw
In den Germania und Agrippina Lichtspielen laufen im Juni 1917 sogar Schülervorstellungen von Graf Dohna und seinem Unterseeboot Möwe.
Quelle: www.zeitpunkt.nrw
Auch bei dem Papiernern Peter, einem humoristischer Trickfilm in zwei Akten, euphemistisch mal als Gegenwarts-Bild, Traumlichtspiel aus der heutigen Zeit oder zeitgemäßes Filmspiel genannt handelt es sich um einen Bufa-Film
Kinobesitzer für die Kriegsanleihe
Neben den regelmäßigen Aufführungen von Bufa-Filmen bzw. kriegsfreundlichen Spielfilmen, galt das Werben für die aktuelle Kriegsanleihe (es gab im ganzen acht) viele Kinematographenbesitzer als patriotische Pflicht, zudem profitierten die Werbenden natürlich von der öffentlichen Aufmerksamkeit. Zweck der Kriegsanleihe war es, sowohl Privatpersonen als auch Körperschaften und Institutionen dazu zu animieren, die Fortführung des Kriegs mitzufinanzieren.
Willy Böhme, Betreiber des Helios Kino schaltete im März 1917 einen Aufruf an alle Kinobesitzer, ihre Einnahmen am Geburtstag des ersten deutschen Kaisers, für die von der Sparkasse herausgegebene 6.Kriegsanleihe zu spenden.
Im April warben auch die Vereinigten Lichtspiele in Köln-Mülheim für die Zeichnung der 6.Anleihe.
Quelle: www.zeitpunkt.nrw
Ende 1917 läßt Emil Schilling läßt einen Werbefilm für die 7.Kriegsanleihe drehen.
Ungefähr zur selben Zeit eröffnete Willy Böhme sein zweites Kino im Saal des Musiklehrers Jean Breuer in Sülz. Frau Kirsch war von der Konkurrenz zu dem, mittlerweile von ihr Alemannia Theater in Sülz so erbost, daß sie sich am 5.Mai 1917 in einer Petition gegen Böhmes Sülzer Zweigkino an den Gouverneur der Festung Köln wandte. Darin gab sie Böhme die Schuld am wirtschaftlichen Ruin der Witwe Erpelding und ihrem, sich seinerzeit ja ebenfalls in der Nähe des Helios Kinos befindlichen Ehrenfelder Volks-Theater. In den 1920er Jahren sollte Frau Kirsch die Kammer Lichtspiele aber letztendlich sogar übernehmen.
1918 - das letzte Kriegsjahr
Anfang 1918 dominierten Wohltätigkeitsveranstaltungen zugunsten der vielen Kriegsblinden die Programme. Dabei wurden auch nichtmenschliche Kriegsteilnehmer wie der Kriegsblindenhund und der Meldehund vorgestellt.
Quelle: www.zeitpunkt.nrw
Der Meldehund transportierte kriegswichtige Nachrichten in einer zylindrischen Box, an seinem Hals. Unfreiwillig zwangsrekrutiert, erwies er sich jedoch als unzuverlässig und desertierte wohl öfter, weshalb er durch die Brieftaube ersetzt wurde.
Quelle: www.zeitpunkt.nrw
Ein anderer Film zeigte den Höftmann'schen Mensch. Bei diesem handelte es sich um einen Kriegsbeschädigten, der gelernt hatte, sich mit dem Mund von Professor Dr.Höftmann aus Königsberg entwickelte künstliche Ersatzglieder für im Feld abhanden gekommene Hände und Füße anzulegen und dadurch mit einigen Abstrichen wieder zu einem brauchbaren Mitglied der Gesellschaft zu werden.
Quelle: www.zeitpunkt.nrw
Kriegsende und Neubeginn
Am 9.November 1918 war die Monarchie in Deutschland Geschichte. Der Kaiser wurde zur Abdankung gezwungen und floh ins holländische Exil, die Weimarer Republik wurde ausgerufen,#Friedrich Ebert wurde zum Reichskanzler ernannt. Der 1.Weltkrieg endete am 11.November 1918.
Willy Böhme hatte auch hier wieder die Zeichen der Zeit erkannt. Demonstrativ sucht er in einer Stellenanzeige nach einem kriegsinvaliden Portier.
Quelle: www.zeitpunkt.nrw
Quellen:
1 Kölnische Zeitung v. 4.September 1914
2 Rheinische Volksstimme v. 2.März 1916