Logo cinecorso Projekt Klassische Kinokultur in Köln

Die Projektionsanlage der Corso-Lichtspiele (1958)

Eine unerwartete Entdeckung

Vorgeschichte

Köln, Stadtteil Kalk, im Jahr 2016. Ein Erkundungstrupp bricht im Inneren eines Gebäudes aus den 1950er Jahren auf der Kalker Hauptstraße 145-147 eine Tür auf, zu der sich kein Schlüssel fand. Weit zurück im letzten Jahrhundert hatte dieses Haus einmal ein Kino beherbergt, sogar eines, dessen Ursprünge sich bis in die Anfangszeit der Kinematographie in Köln zurückverfolgen ließ. Doch dessen Zeit war lange vorbei, seit 1987 war es geschlossen, der Hauptsaal des Kinos war längst von neuen Mietparteien in Beschlag genommen, ein Discounter und eine Spielhalle hatten sich stückweise in ihn hineingefressen. Was übrig blieb, war über die Jahrzehnte teils dem Vergessen, teils bilderstürmerischer Verwüstung ausgesetzt: die Lautsprecher der eigens für die Verbreitung des Tonfilms in Deutschland gegründeten Firma Klangfilm waren auf noch verbliebenen Stuhlreihen gestapelt, der Kasch (Formatrahmen) zerfetzt, die Leinwand zerrissen. Auch einen der goldfarbenen Vorhänge aus flammhemmenden Material hatte jemand für andere Zwecke verwenden können.

Doch was befand sich nun hinter der Tür?

Ein dunkler Flur erstreckt sich vor den Eintretenden, der Lichtkegel der Taschenlampe offenbart rechts eine Flucht fensterloser Räume. In diesen stößt man auf eine archaisch anmutende Saal- und Steuertechnik sowie eine vorsintflutlichen Toilette, die seit Jahrzehnten nur noch von nichtmenschlichen Kreaturen aus der Unterwelt (vulgo:Ratten) als solche benutzt worden war. Eine Treppe führte hinauf in die frühere Herzkammer dieses Gebäudeabschnitts: die Vorführkabine der erwähnten Corso Lichtspiele mit ihrer Projektionstechnik.

Als ob der Kinotechniker es gerade dort vergessen hätte.... So lag das Rollmaßband Firma KIWE Köln 30 Jahre lang im Gleichrichterraum. Sorry, your browser does not support inline SVG.

Eine E-mail der Eigentümer kursierte unter Kinoenthusiasten und Sammlern. Aus dieser ging hervor, daß die Eigentümer sich eine Bergung mit späterer Präsentation wünschten. Bei einer ersten Inaugenscheinnahme waren Joachim und ich begeistert von dem perfekten Erhaltungszustand der klassischen 35mm-Magnetton-Anlage. Wie in einer Zeitkapsel bewahrte sie über Jahrzehnte das ästhetisches Gesamtkonzept ihres Auslieferungszustands, unberührt von den üblichen, Ökonomie und Effizienz geschuldeten Umbauten (Automatisierung, Armverlängerung zur Aufnahme von Großspulen, Anpassung an Umlenksysteme für Turm- und Tellerbetrieb etc.) die die Arbeit des Vorführenden erleichtern kann, ihn aber auch der Technik entfremdet. In diesem Sinne stellt der digitale Projektor die Vervollkommnung dieses Entfremdungsprozesses dar, eine „Black Box“, der der Vorführende im Fehlerfall meist hilflos gegenüber steht

Den Vorschlag eines Pragmatikers, die Klangfilm-Tonanlage an Sammler zu verkaufen und den Rest zu verschrotten, wiesen wir empört zurück. Eine fachgerechte Bergung des Gesamtensembles war jetzt oberstes Gebot, mit der gelegentlichen Hilfe von Kollegen machten wir uns ans Werk.

Bergung

Demontage des linken Projektors
Demontage des linken Projektors

Stück für Stück wurde alles abgebaut, festmontierte Teile, die wir nicht mitnehmen konnten, wurden fotografisch dokumentiert. Die Überreste des von uns wiederentdeckten „Schachtelkinos“ Studio im Corso werden ebenfalls auf einer Themenseite ausführlich vorgestellt.

Ist-Zustand
Alles ist abgebaut und in mehreren Lagern verstaut.

Restauration

Nun ging es ans Reinigen. Das einstige Hammerschlagblau der Maschinen war grün-braun verfärbt unter Schichten von Nikotin und Teer, die einer der letzten Vorführer während seiner Arbeitsstunden aufgequartzt hatte. Fachlich soll er tadellos gewesen sein, was ihn nicht abhielt, die Projektorstandfüße als gigantische Aschenbecher zu mißbrauchen.

Elektronische Komponenten müssen überholt werden, defekte Teile repariert, Verbautes wieder in den Originalzustand versetzt werden.

Dokumentation

Schema der Corso-Lichtspiele
Ungefähr so muß der historische Aufbau der Corso-Lichtspiele ausgesehen haben.

Zur Dokumentation einer historischen Kino-Anlage gehört natürlich auch eine Rekonstruktion des Gesamtaufbaus. Neben der Bergung haben wir, soweit es bei den Verhältnissen möglich war, Fotos gemacht und Zeitzeugen im Haus befragt, z.B.die Tochter des verstorbenen Hausmeisters, sowie Anwohner, die sich an das Kino erinnerten. Spielhallenchef, Fahrschulbetreiber und Anstellte einer Anwaltskanzlei beteiligten sich an der Aufklärung von Unklarheiten bei der früheren Raumaufteilung.

Broschüre Bauer B14
So ungefähr müssen die Maschinen wieder aussehen: Bauer B14 - Werbebroschüre aus unserer Sammlung.
Blockschema einer Stereophonieanlage
Blockschema einer Klangfilm Stereophonie-Anlage mit Vorführraum und Kinosaal. Von uns modifizierte Reproduktion aus einem Bauer Kinobuch.

Bitte auf die Bilder klicken, dann erscheint eine vergrößerte Ansicht, in der die Technik im Detail vorgestellt wird.

Schaltschema einer Bildwerferanlage
Blockschema des kompletten Kinos, denn natürlich soll auch die restliche Technik (wenn möglich funktionsfähig, ansonsten museal), wieder aufgebaut werden, z.B. Notstrom-Batterie mit offenen Blei-Schwefelsäure-Akkus.
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